Ankommen

1024 571 Elke Janßen

Rudern

Es geht ihr nicht gut. Frau E sitzt in einem Boot. Wie sie da genau hineingekommen ist, weiß sie gar nicht mehr. Denn gerne ist sie nicht dort, auf dem Wasser und dann auch noch in so einem kleinen Boot. Einem Ruderboot.

Gerade hat sie die Insel noch gesehen. Sanft lag sie da, wie auf Wellen ruhend. Da will sie jetzt hin, unbedingt. Also macht sie sich auf den Weg mit Gummistiefeln, Größe 43, viel zu groß, aber andere findet sie auf die Schnelle nicht in ihrem Keller. Grün sind sie und strömen Geborgenheit und Wärme aus, als sie durch den Matsch stapft.

Vorsichtig steigt Frau E,. in das Ruderboot, wackelig ist es schon und sie schwankt. Vielleicht bleibe ich doch lieber hier? Dann aber gibt sich Frau E einen Ruck. Behutsam geht sie in die Hocke und setzt sich auf die Ruderbank, verschnauft erst einmal.

Dann nimmt sie die Ruder in ihre Hände. Eine in die linke, die andere in die rechte Hand. Sie sieht, woher sie gekommen ist. Eine wilde Landschaft aus Wut und Trauer.

Einatmen, Ausatmen. Ein vorsichtiges Eintauchen ins Wasser. Langsam kommt Frau E. in Bewegung. Rudern geht nur rückwärts, stellt sie fest. Die Insel kann sie so nicht mehr sehen. Nur das Chaos. Aber sie spürt ihre Sehnsucht. Ihre Hände bekommen Blasen und tun weh. Ihr Herz auch. Es pocht zwar nicht mehr so panisch, aber weh tut es trotzdem.

Schließlich kommt das Boot an einen Widerstand. Es geht nicht mehr weiter, egal wie sie sich anstrengt. Auch das noch denkt Frau E. resigniert. Sie ist so müde. Dann dreht sie sich vorsichtig um und sieht, das Hindernis ist das Ufer. Sie ist angekommen. Das Wetter beruhigt sich und die Sonne lugt hervor. Die Blumen richten sich wieder auf und letzte Regentropfen glänzen an ihren Stängeln. Frau E. setzt sich hin.

Es ist still. Und ruhig. Und klar. Sie streckt ihre Beine aus, das Gras streichelt über ihre Zehen. Sie genießt die Stille und die Weite. Wut, Zorn und Trauer berühren sich und geben sich die Hand, streicheln sich vorsichtig.

Herzliche Grüße Elke